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ALOISIUS - vom Fohlen zum Reitpferd

Reitlektionen - Durch den Bach

OK ich geb´s zu, die Überschrift "Geländereiten" wäre doch etwas zu hoch gegriffen, wo ich doch mit Loisl bis Dato noch nie im freien Gelände geritten war. Es war Sommerurlaub und Anja musste Ferdinand, den Chef der kleinen Offenstall-Herde, sowieso etwas bewegen. So bot sie mir an, mit uns (Loisl und mir hinter Ferdinand und ihr) in den Bach zu gehen. Bisher hatte ich das bei unseren Spaziergängen vermieden, da ich keine nassen Schuhe bekommen wollte. Wir waren zwar am Bach und Loisl hielt auch mal die Nase rein, aber reingegangen war er noch nie. Jetzt war natürlich die Frage, ob Loisl so ohne weiteres in´s Wasser gehen würde (?). Zweites Problem: Zum Bach führte ein relativ kurzer aber sehr steiler Abstieg hinunter und bisher hatte Loisl mich doch nur auf ganz ebenem Gelände herumgetragen. Dies alles versprach also ein recht "interessanter" Ausflug zu werden.

Nach ein paar Runden am Reitplatz gingen wir raus. Anja hatte auf Ferdinand nicht mal einen Sattel drauf. Ich war, in voller Schutzausrüstung und natürlich mit Sattel, sehr gespannt auf Loisls Verhalten. Am Bach angekommen, ging Ferdinand wie gewohnt den kleinen steilen Weg zum Wasser runter. Ich dirigierte Loisl hinterher, stellte mehr Gewicht in die Steigbügel und lehnte mich zurück. Vorsichtig suchte Loisl sich Tritt für Tritt seinen Weg hinunter. Er war halt doch ein Kaltblut und dadurch erstaunlich trittsicher. Mit meinem Gewicht hatte er auch kein Problem. Gut, dass ich den Weg schon ein paar mal auf anderen Pferden geritten war, es ist ein seltsames Gefühl plötzlich keinen Pferdekopf mehr vor sich zu haben und nur durch ein starkes "rückwärts-in-die-Steigbügel-Stemmen" das Runterrutschen vom Sattel verhindern zu können. Unten angekommen stand Ferdinand schon im Wasser des sehr spärlich fließenden Baches. Durch Ferdinand bestärkt, trat Loisl ohne merkliches Zögern auch in´s Wasser und schien zu fragen: "Und, wie geht´s weiter?" Die größeren Steine im Bach rollten teilweise unter seinen Hufen weg. Es ließ sich relativ schlecht auf diesem Untergrund laufen, aber Loisl meisterte das, als wäre er täglich auf so steinigem Gelände unterwegs. Ich war beeindruckt und meine Ängstlichkeit wich einer art Euphorie oder war es sogar Stolz? Der Bursche hatte kein bisschen Angst, nur die steile Stelle, an der das Wasser so schnell runterplätscherte, wollte er nicht hinuntergehen. Ich habe mehrmals versucht ihn dort hin zu dirigieren, aber er wollte absolut nicht. Egal, das kommt schon noch, - für das erste mal, war das doch sowieso schon super!

Bachdurchquerung

Erste Bachdurchquerung


Ein Kaltblut lernt Galopp

Natürlich muß ein Kaltblut den Galopp nicht erst lernen. Was ich damit meine, ist der Galopp mit dem Reiter, also mit mir! Was bei unserem ersten Galoppversuch passiert ist, habe ich ja unter "Reitunfall" beschrieben. Nun sollte alles anders und professioneller werden: Ich fragte Anja, ob sie morgen eine Stunde Zeit für mich hätte, ich bräuchte jemanden, der Loisl und mir vorausgaloppiert. Anja willigte sofort ein, warnte aber vor dem zu kleinen Reitplatz und verwies auf die riesige Wiese vor dem Klingerhof. "Doo is Plootz gnua!", meinte sie und mahnte, Loisl erst richtig müde zu reiten, damit er keine "Sparifankerl" macht.
Also ging es am nächsten Tag erst mal auf die kleine Springwiese, wo ich Loisl kräftig im Schritt und im Trab bewegte. Ich war mächtig aufgeregt; wollte ich doch nicht schon wieder im vollen Tempo auf dem Boden landen. Gut, dass sich meine Aufregung nicht auf Loisl übertrug. Er drehte brav seine Runden mit mir und wechselte verlässlich zwischen Schritt und Trab. Nachdem Anja dann meinen Sitz noch etwas korrigiert hatte, machte sie den Zaun zur großen Wiese auf und ritt mit Ferdinand voraus. Loisl und ich folgten ihr mit zwei bis drei Pferdelängen Abstand. Die erste Runde drehten wir im Schritt, die zweite Runde dann im Trab. Am Ausgangspunkt wieder angekommen, rief Anja nach hinten: "Wenn ma auf da Grooden san, dann galoppiern ma los!" Jetzt wurde es ernst. Anja galoppierte los und Loisl versuchte mit riesigen Schritten im Trab zu folgen. Ich trieb ihn an mit "und komm!", "Gaaalopp!" und aufmunterndem Zungeschnalzen. Loisl drehte die Ohren zu mir und schien mich tatsächlich zu fragen: "Darf ich wirklich?" Ich trieb ihn weiter an und er machte ein paar Galoppsprünge, fiel aber dann in den "Monster-Trab" zurück und drehte die Ohren wieder fragend zu mir. Mir entfuhr ein "Hepp, hepp!" Und das verstand Loisl. Er galoppierte los wie der Teufel! Obwohl Anja mit Ferdinand schon einigen Vorsprung hatte, holten wir die beiden schnell ein. Ich versuchte ihn möglichst wenig zu behindern und ritt im "leichten Sitz" (Gewicht in den Steigbügeln). Bei jedem Galoppsprung berührte der Sattel ganz leicht meinen Allerwertesten, denn ganz aufstehen konnte ich nicht, weil Loisl es noch nicht gewohnt war, dass sich der Reiter auf seinem Hals abstützt. Um die Linkskurve am Ende der langen Wiese brauchte ich mich nicht zu kümmern, da Loisl genau in Ferdinand´s Spur folgte. Dann parierte Anja zum Schritt durch und auch Loisl ließ sich brav einbremsen. Ich musste jubeln und Loisl loben! Wir blieben stehn und ich tätschelte ihm laut lobend den Hals. "Braaaver Burschi, braaaver Loisl!" Ich war überglücklich, hatte aber keine Zeit für weiteres Lob, denn Anja trabte schon los zur zweiten Runde. Diesmal ging alles perfekt. Erst Loisls Nachfrage an mich, dann mein Antreiben mit "Hepp!" und schon flogen wir unterbrechungsfrei im Galopp über die Wiese. Das ist nicht einfach nur "Reiten", das ist der absolute Wahnsinn!

Galopp1

Erster Galopp über die Wiese


Galopp2

Der absolute Wahnsinn!


Galopp3

So macht das Spass!


Erster freier Galopp

Am nächsten Tag war ich natürlich sehr gespannt wie sich Loisl verhalten würde. Ich drehte mit ihm und mit Julia auf Pia ein paar Runden auf der Springwiese. Schritt und Trab schienen mir plötzlich absolut langweilig - hatte ich tatsächlich ein halbes Jahr nur damit verbracht? Ich war gierig nach Tempo, ich war gierig nach Galopp! Sicherheitshalber wollte ich Julia mit Pia vorausreiten lassen, aber Julia war unsicher, weil sie mit Pia noch nie auf der Wiese galoppiert war. Also blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst zu versuchen. Ich hoffte mich schon halten zu können, wenn der Bursche Haken schlagen würde. An der langen Geraden der Springwiese trieb ich ihn vom Trab mit einem "Hepp!" zum Galopp und ... - Er galoppierte auf Anhieb in einem sehr angenehmen Tempo und ganz gerade dahin. Ja er schien schon darauf gewartet zu haben, so spontan trat er auf mein Kommando an. Am Ende der Springwiese ließ er sich dann ganz brav zum Trab durchparieren. Das war toll! Ich konnte es fast nicht glauben und probierte es noch zwei mal und es funktionierte absolut einwandfrei!
Nun sind die Grundlagen geschaffen: Loisl lässt sich lenken und beherrscht die drei Grundgangarten. Einer vertiefenden Reitausbildung steht nun nichts mehr im Wege...

Freier Galopp

Erster freier (d.h. unbegleiteter) Galopp


Erster Galopp
Video: Erster Galopp


Galopp am Reitplatz

Es waren wieder zwei Wochen vergangen und da die Högler Kutschrundfahrt ausfiel, hatte ich viel Zeit mich um Loisl zu kümmern. Das Reiten an diesem Samstag-Nachmittag fiel sehr eckig aus. Loisl wollte nicht da hin wo ich hin wollte und ich wollte nicht in die Richtung in die Loisl zog. Ich hatte echte Probleme ihn auf dem ersten Hufschlag zu halten. Mit Zügeln und mit Schenkeldruck war es gerade so möglich, aber das war auf die Dauer sehr unangenehm und anstrengend. Auch nach mehrmaligem Antraben, Schritt gehen und Halts wurde Loisl nicht durchlässiger. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Hatte Loisl alles vergessen oder hatte er nur einen schlechten Tag? Beim Putzen war er absolut brav und stand beim Aufsteigen schön still, aber heute war an den Versuch eines Galopps überhaupt nicht zu denken. - Also dann auf die harte Tour: "Haaaalt!", "Zuuurück!" und "Schiiiritt!", wieder und wieder. Fast tat mir der Bursche schon leid, aber er begann zu verstehen: "Der da oben gibt die Richtung vor." Und plötzlich ging alles von ganz allein. Manchmal sagt man, man brächte nur zu denken und das Pferd folgt schon! Jetzt war es tatsächlich so! Loisl schien jetzt auf meiner Wellenlänge zu sein. Wie von allein ging es durch den Slalom, auf den Zirkel und um enge Wendungen. Ich dachte nur und er führte es aus...

Am nächsten Tag, es war ein wunderschöner Herbst-Sonntag, ging es sofort so los wie wir am Tag zuvor aufgehört hatten. Die Übereinstimmung von Reiter und Pferd war nicht nur zu spüren, sondern sicher auch zu sehen. Heute passte alles zusammen und nach gut 20 Minuten Schritt und Trab trieb ich Loisl auf der langen Geraden des Reitplatzes mit dem berüchtigten "Hepp!" an. Er schien sofort zu verstehen und drehte die Ohren zu mir. Auf das zweite "Hepp!" sprang er an und machte zumindest bis zum Ende der Geraden einige Galoppsprünge. Kurz vor der Kurve ging er wieder zum Trab über. Anscheinend erinnerte er sich noch an den Reitunfall des ersten Galoppversuchs auf dem Reitplatz. Damals war ich ja genau in dieser Ecke wegen des herunterrutschenden Sattels von ihm runtergefallen. Er hatte sich damals nicht getraut um die Ecke zu galoppieren. Nun hatten wir aber mittlerweile doch einige Galopperfahrung auf der Springwiese gesammelt und ich war der Meinung, dass das auch auf dem Reitplatz funktionieren muß. Bei der nächsten Runde trieb ich ihn daher wieder an und er galoppierte brav los. Und... - ja tatsächlich, um die Kurve herum, am schmalen Ende des Reitplatzes entlang und noch mal um die Kurve auf die gegenüberliegende Seite. Ich war so happy darüber, dass ich ihn laut lobte, was der faule Strick sofort zum Anlass nahm, in den Schritt zu verfallen. Das war mir allerdings in dem Moment egal. Ich lobte ihn weiter und tätschelte ihm den Hals. Das war´s für heute. Erst mal das Gelernte sacken lassen. Nächste Woche werde ich versuchen, das wieder abzurufen...


Loisl das Rennpferd

Ein Wochende später, leider herbstlicher Nebel und nichts zu sehen vom versprochenen Sonnenschein. Woher ich diese unbrauchbare Information hatte? "wetter.com", aber das ist wieder eine andere Geschichte... Ich hatte mich mit Heide verabredet um am Nachmittag eine Runde zu reiten. Der Sandplatz war aufgeweicht und matschig, nicht gerade die besten Voraussetzungen um Loisl Höchstleistungen abzuverlangen. Doch da hatte ich mich mächtig getäuscht. Als der Bursche nach gut 10 Minuten einigermaßen warm war, trabten wir los und man hätte uns heute als echte Profis einschätzen müssen. Alles klappte wie am Schnürchen. Wie schon die Woche zuvor, ließ ich Loisl an der langen Geraden des Reitplatzes angaloppieren. Leider funktionierte das immer noch nicht mit "Außenfuß nach hinten und Schenkeldruck innen", sondern nur mit dem berühmt berüchtigten Kommando "Hepp!". Loisl galoppierte los und bremste vor der Kurve von alleine zum Trab ab. Ich trieb ihn auch nicht an, ich war mir einfach nicht sicher genug, ob die Kurve auf Anhieb wieder funktionieren würde. In der nächsten Runde galoppierte Loisl wesentlich schneller und obwohl ich etwas unsicher war, beschloss ich ihn nicht abzubremsen, sondern ihm zu überlassen was er sich zutraute. Diese Entscheidung war richtig. Loisl galoppierte um die Kurve und wurde erst danach wieder langsamer. Zum Einen versuchte ich seinen Rücken zu entlasten, indem ich mich in die Steigbügel stellte (leichter Sitz), zum Anderen klammerte ich mich mit den Beinen an seinem Bauch fest. Das war zwar anstrengend, aber es funktionierte. Mit jeder Runde, in der wir angaloppierten, wurde Loisl zuversichtlicher, sicherer und vor allem schneller, schneller und noch schneller! Nun war die schmale Seite des Reitplatzes nur noch eine langgezogene halbrunde Kurve, die wir mit satter Schräglage, fast wie beim Motorradfahren, durchgaloppierten. Loisl schien das sichtbar Spass zu machen. Er schnaubte vergnügt und wollte immer wieder angaloppieren. Er war ein richtiges Rennpferd geworden und ich musste den Burschen einbremsen, sonst hätten wir noch Heide mit dem langsamen Ben über den Haufen gerannt ;-). Loisl war mittlerweile klatschnass geschwitzt und Heide und ich beschlossen zur Abkühlung der Pferde noch ein paar Runden im Schritt zu gehen, was Loisl sehr widerstrebte. Zumindest musste er unbedingt noch mal im Trab über ein Kavaletti hopsen. Jetzt war aber genug! Ich klopfte ihm auf den Hals und mumelte vor mich hin: "Burschi, hast Du ganz vergessen, dass Du ein Kaltblut bist?"


Kontrollierter Galopp und erste Versuche zum Galoppwechsel

Ein gutes halbes Jahr später, Loisl steht nun im neuen Stall in Dachau (siehe "Loisls Umzug"). Irgendwie war es an der Zeit, mal nicht immer nur im Kreis zu galoppieren. Loisl galoppierte brav auf der Außenbahn, oder ließ sich (zumindest von mir) auch mal zu einem Zirkel überreden. Jetzt wollte ich aber etwas Neues ausprobieren: Eine Acht im Galopp. Und das sollte ohne Außengalopp funktionieren, d.h. Loisl musste selbständig irgendwie die Hand wechseln. Ich versuchte ihm über das zurückgestellte Außenbein ein deutliches Kommando zu geben, aber ob er das verstehen würde? Na ja, irgendwie hat es auf jeden Fall geklappt. Wenn auch noch nicht besonders schön. Man bedenke, dass das unser erster Versuch war, - der Weg zum fliegenden Galoppwechsel ist noch weit, weit, weit!

Galoppwechsel, erster Versuch
Video: Galoppwechsel rechts/links


Für Loisl war "Galopp" bisher eine Geschwindigkeit und keine Schrittart, aber langsam beginnt sich das zu ändern - auch im obigen Video schön zu sehen. Durch den Versuch aus sehr langsamem Trab oder sogar aus dem Schritt heraus anzugaloppieren, wurde ein sehr kontrollierter und ruhiger Galopp, den ich versuche durch entsprechende Zügelhilfen Sprung für Sprung zu unterstützen. Und siehe da, langsam versteht Loisl, dass Galopp nicht heißt mit maximaler Geschwindigkeit zu rennen. Nun gilt es auch das weiter auszubauen.

Kontrollierter Galopp

Kontrollierter Galopp mit starker Zügelunterstüzung






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